Elektrochemie und Massenspektrometrie koppeln – Schadstoffe von morgen schon heute entdecken

Ein innovatives Verfahren zur Vorhersage chemischer Transformationsprodukte (TP)

Ranil C. T. Temgoua, Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr (Hamburg) & Helmholtz-Zentrum Hereon, Geesthacht, Germany

Jedes chemische Molekül hat eine Geschichte zu erzählen. Doch was passiert mit diesen Molekülen, nachdem sie das standardisierte Labor verlassen haben, um in die komplexe Wirklichkeit der Natur oder des menschlichen Körpers einzutreten? Wenn ein Arzneimittelwirkstoff seine therapeutische Mission erfüllt hat und ausgeschieden wird oder ein Pestizid eine Pflanze geschützt hat und dann im Boden versickert, ist die Geschichte längst nicht vorbei. Diese Moleküle nehmen im Verborgenen ein zweites Leben an – eine Reise voller Veränderungen. Sie zerfallen und gehen mit anderen Substanzen neue chemische Verbindungen ein. Wie lässt sich ihr Schicksal also zuverlässig vorhersagen?

Über die Veränderungen unserer Chemikalien, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben, ist nur wenig bekannt – vieles bleibt im Verborgenen. Dieses Phänomen wird oft als „Eisberg“-Problem bezeichnet. Wir kennen die Stammverbindung und regulieren sie, aber dieser sichtbare Teil ist lediglich die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ (Abbildung 1a). Unter der Oberfläche entsteht eine komplexe Welt aus neuen Molekülen, die sich unserem Blick entziehen: die sogenannten Transformationsprodukte (TP). TP können persistenter, mobiler oder sogar toxischer sein als die ursprüngliche Verbindung, und doch bleiben sie größtenteils unbekannt, unentdeckt und unreguliert. Sie stellen die „dunkle Materie der Chemie“ in unserer Umwelt dar, und Forschende tun sich schwer damit, sie zu enträtseln und zu verfolgen. Ihre Reise nachzuvollziehen, ist eine der größten Herausforderungen der modernen Wissenschaft.

Die Frage, die unserer Forschungsarbeit zugrunde liegt, ist täuschend simpel: Wie lässt sich vorhersagen, was mit Chemikalien in der Umwelt oder in unseren Körpern passiert, ohne monate- oder sogar jahrelang auf die Antwort zu warten? Herkömmliche Methoden zur Erforschung dieser Vorgänge sind langsam, teuer und ethisch komplex. Enzymatische Studien mit Lebermikrosomen sind variabel, und Studien über das Verhalten und den Verbleib in der Umwelt („Environmental-Fate-Studien“) können Monate dauern. Wir benötigen einen prognostizierenden Ansatz, der schneller und leichter zu steuern ist.

Die Lösung liegt in einer kraftvollen analytischen Synergie: der Kopplung der Elektrochemie, um das Verhalten und den Verbleib eines Moleküls nachzuahmen (unter Bedingungen, die denen lebender Organismen oder natürlicher Systeme ähneln), mit moderner Massenspektrometrie, um dies mit beeindruckender Klarheit offenzulegen. Eine Darstellung findet sich in Abbildung 1b.

Ranil C. T. Temgoua Helmut-Schmidt-Universität /
Universität der Bundeswehr (Hamburg) &
Helmholtz-Zentrum Hereon, Geesthacht, Germany
Abbildung 1a: Die sichtbare Spitze des Eisbergs steht für kontrollierte Verbindungen, während die große Masse unterhalb der Wasseroberfläche für unbekannte Transformationsprodukte (TP) steht
Abbildung 1b: Analytisches Verfahren: Elektrochemie zur Simulation von Verhalten und Verbleib in der Umwelt, gekoppelt mit moderner Massenspektrometrie für hochauflösende Identifikation

Erster Akt: Die Kristallkugel der Elektrochemie

Der Durchbruch besteht in einer ebenso einfachen wie tiefgründigen Erkenntnis: Über 90 % aller organischen Verbindungen sind elektroaktiv. Das bedeutet: Sie lassen sich durch Anwendung eines elektrischen Potenzials oxidieren oder reduzieren. Diese Eigenschaft können wir nutzen, um den metabolischen und ökologischen Abbau in einem „digitalen Reaktor“ zu simulieren – einer elektrochemischen Zelle.

Durch Feinabstimmung des Potenzials in dieser Zelle üben wir kontrollierten oxidativen Stress auf ein Molekül aus und beschleunigen so auf effektive Weise den natürlichen Alterungsprozess. Innerhalb von Minuten erzeugen wir dieselbe komplexe Mischung aus Metaboliten und Abbauprodukten, die sich in der Natur über Wochen oder Monate bilden würden. Dieses saubere, reproduzierbare und ethische Verfahren liefert ein hochauflösendes Bild von der Zukunft eines Moleküls. Wie im nachfolgenden Diagramm (Abbildung 2) dargestellt, wird dieser elektrochemische digitale Reaktor dem Massenspektrometer nahtlos vorgeschaltet.

Doch die Erzeugung dieser Transformationsprodukte ist nur der erste Schritt. Um ihre Auswirkungen wirklich zu verstehen, müssen wir sie identifizieren. An dieser Stelle wird unsere vorausschauende Vision klar und deutlich.

Zweiter Akt: Einsatz des LCMS-9050 Q-TOF als ultimativer Dekodierer

Die Mischung, die aus unserem elektrochemischen Reaktor herauskommt, ist ein komplexes Puzzle aus unbekannten Verbindungen. Um es zu lösen, benötigen wir einen Detektor, der mehr ist als nur ein Sensor – nämlich ein Meisterdetektiv. Dieser unverzichtbare Partner ist das Shimadzu LCMS-9050 Quadrupole Time-of-Flight (Q-TOF) Massenspektrometer (siehe Abbildung 3).

Seine Aufgabe besteht darin, jedes entstandene Produkt mit kompromissloser Präzision zu analysieren. So bringt es das Unsichtbare ans Licht:

1. Es sieht alles: Die von uns erzeugten TP sind häufig kurzlebig und kommen nur als Spuren in sehr geringer Konzentration vor. Die außerordentliche Sensitivität des LCMS-9050 ist daher entscheidend. So stellen wir sicher, selbst Produkte in geringster Konzentration nicht zu übersehen und ein möglichst vollständiges Profil aller potenziellen TP zu erfassen.

2. Es liefert uns den „Fingerabdruck“: Sehen ist nicht dasselbe wie Kennen. Um etwas wirklich Unbekanntes zu identifizieren, brauchen wir seinen „Fingerabdruck“. Das LCMS-9050 bietet stabile, ultrahochauflösende und äußerst genaue Massebestimmungen. Das ist nicht einfach nur ein Gewicht, sondern eine präzise molekulare Formel, ein genauer Identitätsnachweis (z. B. C₁₂H₁₅NO₄S) und der unverzichtbare erste Schritt, um ein Molekül von Grund auf zu bestimmen.

3. Es entschlüsselt die Struktur: Mit dieser genauen Identität können wir das Molekül mithilfe der MS/MS-Fähigkeit des Q-TOF fragmentisieren. Dadurch erlangen wir eine Karte von seiner Struktur. In Kombination mit Shimadzus leistungsstarker Software und umfangreichen Spektrenbibliotheken können wir diese hochwertigen Daten nutzen, um die Puzzleteile zusammenzufügen und die vormals verborgenen Verbindungen zuverlässig zu benennen.

Abbildung 2: Schematische Darstellung des gekoppelten EC-MS-Systems
Abbildung 3: Das Shimadzu LCMS-9050 Q-TOF Massenspektrometer. Dank Ultrahochauflösung und Massengenauigkeit ist es das ideale Instrument für die nicht gezielte Identifikation unbekannter Verbindungen.

Die Synergie: Ein vollständiges Verfahren für die prognostische Forschung

Wenn wir Elektrochemie und das LCMS-9050 Q-TOF in einem einzigen Verfahren koppeln, passiert etwas Bahnbrechendes. Wir bestimmen nicht mehr nur, was etwas ist – wir sagen zusätzlich aktiv voraus, was zukünftig daraus werden könnte.

Dank dieser fruchtbaren Partnerschaft konnten wir kritische Fragen im Rahmen unserer Forschungsarbeit schnell beantworten. Ein konkretes Beispiel der Ergebnisse (vgl. Abbildung 4) macht dieses Potenzial sichtbar: das Echtzeit-Monitoring des elektrochemischen Abbaus zweier Insektizide (Imidacloprid, IMI, und Clothianidin, CLO), bei dem das Q-TOF die wesentlichen Transformationsprodukte in weniger als einer Stunde identifizieren konnte.

Die Ergebnisse sprechen für sich: Im Ruhezustand blieben die Pestizide stabil, doch ein einfaches „Umlegen des Schalters“ setzte ihre Transformation in Gang. Im Falle von Imidacloprid verschwand die Stammverbindung praktisch sofort bei –1,5 V und wurde durch einen Fingerabdruck neuer Produkte ersetzt. Clothianidin erwies sich anfänglich als widerstandsfähiger, gab jedoch schließlich bei –1,7 V nach und offenbarte seinen verborgenen Abbauprozess. Dies zeugt von der chirurgischen Präzision von EC-MS: Wir können die Energie anpassen, um selbst die widerspenstigsten Moleküle zum Zerfall zu bringen und ihre Zukunft innerhalb von Minuten abzubilden.

Abbildung 4: LC-HRMS-Chromatogramme von IMI und CLO (0,1 mM) unter verschiedenen elektrochemischen Bedingungen: blank, kein angewandtes Potenzial (0,0 V) und nach Anwendung von Reduktionspotenzialen E_Red1 und E_Red2 im neutralen Medium (pH 7,4)

Von passiver Beobachtung zu aktiver Gestaltung

Die wirkungsvolle Kopplung von Elektrochemie und Massenspektrometrie markiert einen Paradigmenwechsel. Damit entwickeln wir uns von passiven Beobachtern des Verhaltens und Verbleibs von Chemikalien zu aktiven Gestaltern einer sichereren chemischen Zukunft. Indem wir die Reise eines Moleküls und seiner Abbauprodukte elektrochemisch vorhersagen und seinen Weg mit der beispiellosen Klarheit des Shimadzu LCMS-9050 Q-TOF beleuchten, können wir von Anfang an bessere, sicherere und nachhaltigere Moleküle entwickeln.

Bei der chemischen Analyse von morgen geht es nicht darum, zu messen, was wir bereits kennen, sondern zu entdecken, was wir noch nicht wissen. Noch nie ist diese Entdeckungsreise schneller, klarer oder inspirierender gewesen.

Abbildung 4: LC-HRMS-Chromatogramme von IMI und CLO (0,1 mM) unter verschiedenen elektrochemischen Bedingungen: blank, kein angewandtes Potenzial (0,0 V) und nach Anwendung von Reduktionspotenzialen E_Red1 und E_Red2 im neutralen Medium (pH 7,4)

Quellen:

Bai, L., Chen, P., Xu, J. et al. (2025). Comprehensive Profiling of Chemical Constituents and Metabolites of the Angelica sinensis-Sophora flavescens Herbal Pair in Plasma and Urine via UHPLC-Q-TOF-MS Coupled With Multi-Platform Data Integration. Journal of Separation Science. 48 (6): e70201.

Baumann A., Karst U. (2010). Online electrochemistry/mass spectrometry in drug metabolism studies: principles and applications. Expert Opin Drug Metab Toxicol. 6: 715–31.

Zahn, D., Arp H.P.A. (2024). Should Transformation Products Change the Way We Manage Chemicals? Environ. Sci. Technol. 58 (18): 7710–7718.

Temgoua, R.C.T., Tonlé, I.K., Boujtita, M. (2023). Electrochemistry coupled with mass spectrometry for the prediction of the environmental fate and elucidation of the degradation mechanisms of pesticides: current status and future prospects. Environ. Sci.: Processes Impacts. 25: 340–350.